In Scharen durch die Straßen wandelnde Gestalten. Mit Hightech-Kameras bewaffnet durchqueren sie gezielt die Stadt auf der Suche nach kulturellen Attraktionen und Sensationen. Im Gänsemarsch geht es hastig von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten. Sie laufen in so langen Schlangen hintereinander her, dass man denkt, die ganze Welt sei angereist. Und alle haben sie den Kopf so weit in den Nacken gelegt und ein so begeistertes und strahlendes Lächeln auf dem Gesicht, dass man nur noch die Zähne sieht. Was auch daran liegt, dass der Rest ihrer Köpfe von riesigen Kameras jeglicher Ausführung bedeckt sind.

Ein Halt an jeder Statue und vor jeder Haustür, die die Stadt touristisch attraktiv erscheinen lassen. Ein kurzer Satz hier, ein schnelles Foto da. Die Angst, es könnte eine Kleinigkeit übersehen werden und damit nicht belegbar sein, lässt die Reisenden mit ihren Kameras verschmelzen. Alles wird dokumentiert, damit man sich zuhause dann anschauen kann, was man da denn eigentlich gesehen hat. Denn der Blick durch die Linse trübt leider die Erinnerung.

Das Bild eines Motivs, das auch Jahre später noch in hundertfacher Ausführung auf ein und derselben Speicherkarte gefangen ist oder sich längst in Einsen und Nullen aufgelöst in den endlosen Weiten irgendeines Computers verloren hat. So lange, bis eine künstliche Intelligenz sie zusammensetzen kann zu einem einzigen Bild, in dem alle Orte der Welt zu allen Zeiten der Welt gleichzeitig miteinander verschmelzen.

Und so wird die Einheit der Welt also irgendwann, zumindest virtuell, hergestellt werden durch den Tourismus und seine dokumentierfreudigen Reisenden. Wer hätte das gedacht.

Posted by:TXT & IMG Multiple

Carolin Breme, Louisa Engel, Carlo Maximilian Engeländer, Lea Köhler, Marcus Pape und Laura Stach schreiben in multipler und kollektiver Autor*innenschaft unter dem Pseudonym «TXT & IMG Multiple».