Die Scheiben – fünf ehemalige DDR-Wohnhochhäuser in Halle Neustadt – bieten einen heftigen Anblick. Fünf Titanen, die hintereinander weg zu zerfallenen Hochhäusern erstarrt sind. Nach Jahren der Verwahrlosung werden die als Scheiben bezeichneten Gebäude plötzlich wieder interessant.

© Carlo Maximilian Engeländer
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Seit der Wende verrotten Halles sogenannte Scheiben vor den Augen ihrer alten Bewohner. Die fünf Wohnkolosse A,B,C,D und E, von denen nur noch D und E bewohnt werden, standen einst für den Pragmatismus des Planwohnens. 2015 fand Scheibe B einen Käufer und auch Scheibe A gelang Anfang des Jahres der Verkauf an einen milliardenschweren Investor. Die heutigen Ruinen werden bald mordernen Büroanlagen weichen. Zeit also für ein letztes Dokument, bevor der Charme der Verwüstung endgültig von den Fassaden gewaschen wird …

Im Grunde ist da nichts Individuelles. Alle Scheiben haben dieselbe Bauform, dieselben achtzehn Stockwerke, dasselbe ekelerregende Grau. Andererseits müssen darin seit ihrer Errichtung in den 1970er Jahren die verschiedensten Persönlichkeiten gelebt haben. Die Klingelschilder sind längst abgerissen, aber dort ragt eine Couch aus dem Fenster und hier ein rostiger Wäscheständer. Machen diese Überbleibsel die Seele der einzelnen Scheibe am Ende aus? Vorletztes Jahr rückten rote Feuerwehrautos ins Viertel ein. Der Grund: Ein paar Jugendliche auf dem Dach von Scheibe B. Rebellion im Miniatur-Format. Aneignung einer verkauften Erinnerung. Oder einfach nur Spielplatz Supersize?

© Carlo Maximilian Engeländer
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Heute sind die Eingänge mit Spanplatten verriegelt. Damit die Eindringlinge sich nicht am Bauschutt verletzen oder gar durch Rattenbisse zu Schaden kommen. Es geht um Versicherungslast, Materialdiebstahl, um Vandalismus. Solche Dinge eben.

 

An Scheibe A klebt ein zwei Quadratmeter großes Gemälde. Es zeigt einen mit Hummer gedeckten Tisch. Wenn man Passanten fragt, welche von denen die Scheibe A oder D ist, dann zucken sie gewöhnlich die Schultern und fragen zurück, ob man zum Jobcenter will oder eher zum McDonalds. Jede der Scheiben hat ihre spezielle Verortung im Stadtplan des Einzelnen. Das macht ihr Wesen aus.
Vergesst nicht, dass in diesen Scheiben ein vielleicht verwesendes, aber immer noch lebendiges Stück Hallescher Vergangenheit liegt! Fahrt bitte hin und schaut es euch nochmal selbst an!

Posted by:Carlo Maximilian Engeländer

Carlo Maximilian Engeländer studiert, neben der Kunst, im Zweitfach Geschichte. Er hat eine natürliche Affinität zu kurzen Texten, zu langen und zu solchen mittlerer Länge.