Philipp, Martha und ich sitzen auf der Holzbank. Beim Eisladen. Im Paulusviertel. Ein entspannter Samstag im Mai neigt sich dem Abend zu, die Sonne blinzelt hinter den Dächern hervor, und wir sitzen da zu dritt auf der Bank und schlecken Pistazien-, Joghurt und Mangoeis. Plötzlich reißt Martha die Augen auf.
»Wisst ihr was? Heute ist Museumsnacht!«
Philipp nimmt einen Schleck von seinem Pistazieneis.
»Ich muss da eh hin wegen dem Kunstkurs«, sage ich.
»Kunst …«, wiederholt Philipp, als wäre es der Name eines Asteroiden.
»Hört mir mal zu«, sagt Martha und fängt unsere Blicke mit ihren plötzlich riesigen Augen. Egal was ihr nächster Vorschlag ist, gebannt werden wir lauschen und ihr am Ende Zustimmung nicken.
»Die Klimaausstellung! Ist das nicht großartig? Die haben sogar ein Mammut aufgestellt. Mit Fell!«
Ich nicke. Auch wenn Philipp und ich die Ausstellung schon zweimal gesehen haben, ist es bereits beschlossene Sache, dass wir uns die »Klimagewalten« heute Nacht im Museum für Vorgeschichte ein drittes Mal geben werden.

Zuerst machen wir einen Abstecher in den Franckeschen Stiftungen und dem Salzmuseum der Saline, wo ich einen Beutel Siedesalz erstehe (ohne eine Tragetasche zu haben, was bedeutet, dass ich den Beutel den ganzen Abend so mit mir herumschleppen werde). Dann radeln wir zum Museum. Menschen mit Flyern und um die Hüfte gebundenen Pullundern latschen durchs Fojer, ein paar Kinder spielen Fangen.

Als wir den Hauptsaal betreten, müssen wir Martha an den Armen zurückhalten, damit sie nicht vor Begeisterung auf das Podest in der Mitte der Eingangshalle hopst. Eine Kampfszene ist dort zu sehen. Zwei ausgestopfte, aber dennoch hungrige Löwen bespringen ein ebenso ausgestopftes Mammut. Ich muss zugeben, das ist irgendwie ziemlich cool!
»Zieht euch die Tabellen rein!«, sagt Philipp offensichtlich begeistert, er nestelt an einer hinterleuchteten Glasplatte rum. Bunte Kurven blinken darauf. »Wir erreichen bald eine neue Eiszeit! Also, in zweihundert Jahren … nur im Norden erstmal … aber immerhin.«
»Heißt das, wir müssen nach Süden auswandern«, frage ich.
»Wäre ‘ne gute Idee!«
»Ich fasse es nicht! Ihr nehmt das kein bisschen ernst, oder?«, mischt Martha sich ein.
»Doch total«, sage ich, »ich stell‘ mir das ganz bildlich vor: Die Polkappen schmelzen, Europa geht in Fluten unter und überall im Norden wird’s arschkalt. In der Zwischenzeit – also während die Menschheit alle an neuen Heizungen tüfteln – machen wir ’ne Kneipe im Mittelmeer auf. Auf einem Schiff. Wegen des Wassers. Und so.«
»Oder eine Eisdiele«, schlägt Philipp vor.
»Ihr seid bescheuert.«
»Und was wenn du die Eisdielen-Chefin bist?«, frage ich und zwinkre Martha zu.
»Hm, na schön … Dann bist du der Abwäscher und Philipp greift die reichen Kunden von ihren Jachten ab.«
»Juchhu!«, brüllt Philipp. Es ist so laut im Museum, dass sich nur ein paar Kinder umdrehen.

Heimlich streicheln wir das Mammutfell. Angeblich ist es Kamelhaar, aber es fühlt sich total nach dem Sofa meiner Großtante an! Philipp und ich zeigen Martha die »Spießente«, die so zuversichtlich schaut, als hätte sie gerade den Bausparvertrag ihres Lebens abgeschlossen.
Schließlich trennen wir uns, Philipp muss aufs Klo und Martha interessiert sich ungleich mehr für Murmeltiere als ich. Tja …

Kurz darauf stehe ich mit dem Siedesalz in der Hand vor dem Gebiss einer Raubkatze. Ich lese das Schildchen darunter: Kleingedrucktes. Sie hat also im Pleistozän gelebt, vor über 100 000 Jahren! Ich kann nicht erklären weshalb, aber während ich mir das Gebiss so anschaue, kommen mir eine ganze Menge Gedanken: Wie viele Generationen, wieviele Zyklen von Leben, äußere, innere und kosmische Widerstände hat es gebraucht, bis die Menschheit sich hier entfaltet hat? Ich bin ein ziemlicher Wurm gegen dieses Vermächtnis. Wenigstens ein glücklicher, denn im Gegensatz zu der Raubkatzen lebe ich ja wohl noch …

Plötzlich nehme ich den Geruch kalter Zigarettenasche wahr. Als stünde ich in jenem verqualmten Kiosk meiner Kindheit, in dem der gelbliche Herr Kühne mit uns Grundschülern Panini-Sticker gegen mühsam Erspartes tauschte. In Wirklichkeit steht da nur ein alter Mann neben mir. Er trägt einen Seidenanzug mit Hut und hält einen glänzenden Gehstock in seiner altersfleckigen Hand.
»Beeindruckend, nicht wahr?«, fragt er, und seine Stimme brummt wie Porsche.
»Naja«, antworte ich.
»Der Mensch, Maß aller Dinge. So denken viele noch immer … Wenn sie das hier sehen, müssten auch sie zweifeln, nicht wahr? — Das hier ist übrigens ein Homotherium, junger Freund, wir haben es nicht weit von hier gefunden. Stellen Sie sich vor, sie laufen durch den Thüringer Wald, und da begegnet Ihnen so eins. Wenn sie Glück haben, ist es nur ein Skelett.«
Ich schiele zu dem Mann herüber, höre mich selbst etwas sagen wie: Ja, stimmt schon irgendwie …, frage mich aber vor allem, wer er ist, und warum er so viel über Raubkatzen weiß. Ich schaue auf mein Handy, zwei verpasste Anrufe von Martha. Es ist kurz vor zwölf! Erst jetzt fällt mir auf, dass der Alte und ich die letzten Besucher im Museum sind.

»Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Abend!«, unterbricht der Alte meine Gedanken.
»Ähm, Verzeihung! Ich war nur ein bisschen abwesend. Klingt spannend, was sie da erzählen!«
Er lächelt, als hätte ich soeben eine Einladung ausgesprochen. Er taxiert mich, seine Augen verengen sich zu Schlitzen: »Rundgang gefällig?«
Ich bin mir nicht sicher, ob das ein Angebot ist?
»Ich … hm … meine Freunde … ähm … ach, was soll’s, die sind eh weg! Aber schließt das Museum nicht gleich?«
Der Mann lächelt. »Erst, wenn meine Kollegen auch wirklich abschließen …«
Ich gucke den Mann fragend an.
»In fünf Minuten.«

Während wir die Treppe ins Obergeschoss nehmen, erklärt mir der Alte, wie die Klima-Ausstellung zu Stande gekommen ist. »Wissen Sie, wir haben versucht die Zeit aus der Perspektive der Erde zu verstehen. Es gibt Terra seit rund viereinhalb Milliarden Jahren. Der Mensch bewohnt sie seit lächerlichen drei Millionen. Sie, mein Knabe, schauen sich die Ausstellung gerade mal zwei Stunden an. Weniger, nehme ich an. Und doch … vielleicht ist es wahr, dass die Zeit mehr wird, wenn wir sie miteinander teilen. Ein guter Ausgangspunkt für eine Ausstellung, nicht wahr?«, die letzte Frage scheint er mehr an sich selbst zu richten als an mich. Verträumt späht er in die blauen, abgedunkelten Räume hinein, die sich nun vor uns erstrecken. Hinter hell erleuchteten Vitrinen auf Samt ruhen Speerspitzen und Schwerter aus grünlichem Metall.
»Bronze-Zeit«, sagt der Alte gemessen. »Im Hindi gibt es nur ein einziges Wort für gestern und morgen, das kal. Kein Termin, keine Dauer, allein der Zeitpunkt für eine Tat muss der geeignete sein! Ähnlich bei den Quechua und Aymara in den Anden: Pacha nennen sie Raum und Zeit, sie unterscheiden es nicht voneinander! Die Zukunft liegt für sie in der Vergangenheit, weit hinten, wo die Augen nicht hinsehen. Sie laufen also auf geradem Wege ihren Ahnen in die Arme. Undenkbares Bild, nicht wahr? Stellen Sie sich mal vor, sie laufen eine unendlich lange Treppe hinauf und am anderen Ende warten ihre verstorbenen Urgroßeltern auf Sie. Ein bisschen verrückt, finden Sie nicht?«
Je mehr ich seinen Worten lausche, desto rasanter wuseln mir die Bilder durch den Kopf: Ich sehe das Wohnzimmer meiner Großtante Anne-Lise, bin noch keine sieben. Dort sitze ich auf dem Knüpfteppich und spiele mit meinem geliebten Plastik-T-Rex. Anne-Lise lässt den Pterosaurier durchs Zimmer gleiten. Dann kommt meine Mutter rein, schaut uns beim Spielen zu, während sie meine schlafende Schwester, die kleine Amelie, im Arm hält.
»Sehen Sie doch mal!«, sagt der Alte, räuspert sich und zeigt auf die Vitrine vor uns.
»Ist die Himmelsscheibe, oder?«, frage ich und fühle mich verdammt schlau.
Er nickt.
»Sie sehen die Plejaden?«, fragt er.
»Nein, sehe ich nicht. Ich sehe nur ein paar Punkte.«
»Ja, die Pleiaden … und ein Halbmond. Die Plejaden sind ein Sternenhaufen, sie Narr! Man hätte doch nicht jeden Stern einzeln darstellen können. Stellen Sie sich doch mal vor, wie lang das gedauert hätte.« Er schüttelt den Kopf und kehrt in den jovialen Erzählmodus zurück.
»Sie können sich wahrscheinlich denken, was das hier alles bedeutet, nicht wahr?«, fragt er und ich spüre, dass er ein ja erwartet.
»Nein«, sage ich knapp.
»Schön, das habe ich mir fast gedacht … Wissen sie denn überhaupt nicht, dass sie hier vor dem ältesten Sternenbildnis stehen, das jemals entdeckt wurde? Vor gerade mal zehn Jahren — zehn mickrige Jahre können die Menschheit von einer völlig anderen Zeit trennen! Jetzt gehört die Vergangenheit den Besuchern dieser Einrichtung, heute Abend genau denen, die sich für die Museumsnacht begeistern konnten und in diesem Moment nur uns beiden, Ihnen und mir …«
Ich nicke, lasse ihn weiterreden.
»Für die Bauern vor viertausend Jahren war dies die kostbarste aller Erinnerungen, und sie verwendeten Gold, Bronze und Zinn, nur um diese bestimmte Sternkonstellation für Generationen von Menschen zu verewigen, nur um sie an diesen Zeitpunkt des Jahres zu gemahnen, von dem sie meinten, nicht nur das Fortlaufen ihrer Zeit hinge davon ab, sondern auch das aller Menschengeschlechter, die ihnen jemals nachfolgen würden. Diese Sternkonstellation, mein Freund, deutet auf das Frühjahr hin. Auf den März, um genau zu sein, wenn der Bauer die Saat ausbringt. So stehen die Plejaden.«
Seine Worte klingen wie ein Glockenspiel in meinem Kopf.
»Sie sind ein guter Archäologe, besser als Indiana Jones jemals hätte werden können.« Sofort komme ich mir blöd vor, den Alten mit Indy verglichen zu haben. Wieder kneift er seine Augen, diesmal legt sich sein ganzes Gesicht in Furchen.
»Ich bin doch kein Archäologe. Ich mache die Öffentlichkeitsarbeit.«
In diesem Moment eilt eine dickliche Aufsichtsperson zu uns. Sie spricht den Alten mit dem Gehstock als Henry an und bittet uns zum Ausgang zu gehen. Dort angekommen verabschieden der nicht-Archäologe Henry und ich uns und Henry wünscht mir noch eine inspirierende Nacht. Auch wenn ich mich von ihm ein bisschen um meine Illusion betrogen fühle, schenke ich ihm als Anerkennung für die engagierte Führung meinen Beutel Siedesalz. Er nimmt ihn dankend entgegen. Vielleicht hat er ja gerade wenig Salz im Haus.

Auf dem Heimweg lasse ich die Eindrücke des Abends noch einmal an mir vorüberziehen. Ich sehe Martha, Philipp und mich auf der Bank bei der Eisdiele sitzen und jeder Schleck, den wir vom Pistazien-, Joghurt und Mangoeis nehmen, dauert vielleicht drei Sekunden, eine Sekunde plus-minus. Doch das sind andere drei Sekunden, als die drei, die in eins, zwei drei, schon wieder vergangen sind. Irgendwie ist es trivial und irgendwie das außergewöhnlichste überhaupt: Wie die Zeit vergeht und wie sie immer anders ist, und es einfach wirklich einen Unterschied macht, ob man tagsüber in ein Museum geht oder nachts, und wen man trifft und worüber man redet und worüber man nachdenkt, wenn es wieder vorbei ist. Vielleicht rufe ich gleich bei Philipp und Martha an und dann erzähle ich ihnen von dem Gebiss und dem Mann und der Zeit und der Scheibe. In ein paar Minuten sitzen wir dann womöglich auf Marthas Couch und reden darüber, dass wir streng genommen schon Milliarden von Jahren zusammen sind.

Posted by:Carlo Maximilian Engeländer

Carlo Maximilian Engeländer studiert, neben der Kunst, im Zweitfach Geschichte. Er hat eine natürliche Affinität zu kurzen Texten, zu langen und zu solchen mittlerer Länge.