Die Scheiben – fünf ehemalige DDR-Wohnhochhäuser in Halle-Neustadt – gleichen jedes für sich einem Flickenteppich aus Spanplatten. Wer immer sich dort genauer umsieht, wird feststellen, dass sie über und über bedeckt sind mit … nun ja, Spanplatten. Über jedes Rattenloch ist eine geschraubt!

Warum sollten ausgerechnet sie, die doch ihrer Funktion nach absperren, in der Lage sein einfach alles über den Kampf, der um die Scheiben tobt, zu erzählen?

Wahrscheinlich ist der Grund für die Verriegelung ein ganz pragmatischer und nicht im geringsten spektakulär. Doch wer will einem schon glauben machen, dass hinter so einem betriebenem Aufwand nicht auch irgendein Geheimnis steckt? Doch welches? Vielleicht das Spannplatten einfach ein billiges Baumaterial sind, dass Leute daran hindert, sich am Bauschutt zu verletzen oder von einer Ratte gebissen zu werden? Das hat einfach nichts mit Widerstand oder miniatur-Bürgerkrieg zu tun …
Wären da nicht die lockeren und manchmal sogar fehlenden Schrauben, die abgebrochenen Ecken nicht zu vergessen, die fast alle schon wieder mit neuen Spanplatten zugeschraubt sind: Die beweisen doch schlichtweg, dass hier Reaktion auf Aktion folgte.

Dabei möchte niemand etwas verbergen … Den Besitzern ist es im Grunde völlig egal, ob sich in ihren Scheiben jemand aufhält oder nicht. Was es darin zu sehen gibt, ist für sie belanglos. Es geht ihnen lediglich darum, einen Versicherungsschaden, Vandalismus oder Materialdiebstahl abzuwenden. Doch gerade aus diesem Grund, dass die Spanplatten Leute davon abbringen sollen, in die Ruinen einzusteigen, verraten sie alles über den tatsächlichen Kampf, der hier in Halle-Neustadts alle paar Nächte aufs Neue geführt wird.

Posted by:Carlo Maximilian Engeländer

Carlo Maximilian Engeländer studiert, neben der Kunst, im Zweitfach Geschichte. Er hat eine natürliche Affinität zu kurzen Texten, zu langen und zu solchen mittlerer Länge.