Anlässlich der Museumsnacht Halle-Leipzig 2018 am 5. Mai  öffnete auch die Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt ihre Ausstellung „Aus der Tiefe“.

Als ich gegen 20.30 Uhr bereits zu fortgeschrittener Zeit der Museumsnacht die Ausstellung „Aus der Tiefe“ in der Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt betrete, sind die Räume nur spärlich besucht. Die Dame und der Herr mit den Fruchtbowlenschalen am Eingang schauen etwas gelangweilt. Eine Dame steht auf und kontrolliert meine Eintrittskarte. Ich gehe zielgerichtet in den ersten Raum hinein, doch als ich bemerke, dass die ausgestellten Werke nur durch einen gefalteten Plan den jeweiligen Künstler*innen zuzuordnen sind, mache ich wieder kehrt. Die Dame am Eingang springt auf und drückt mir einen Zettel in die Hand.

Im Vorraum steht eine Ansammlung von vier keramischen Figuren, die die Besucher in die Ausstellung einladen. Dazu blättere ich mich durch das Begleitheft und drehe und wende den Plan. Schließlich entscheide mich doch dafür, mir nicht vor der Betrachtung den inhaltlichen Hintergrund der gezeigten Werke vom Begleittext erklären zu lassen. Ich gehe dann doch lieber ‚blind‘ in die Ausstellung. Die Figuren haben etwas Puppenhaftes und doch zerschlägt sich dieser Gedanke beim Anblick der kleinäugigen Gestalten gleich wieder. „The grotesk body“ heißt die Arbeit der Künstlerin Anna Dorothea Klug. Keine makellos glänzende Oberfläche, stattdessen matt unebene Patina. Bei einigen fehlen die Arme, bei anderen spannt sich die hohe Stirn spannt über einen kahlen Kopf. Die Figuren haben etwas Menschliches an sich und dennoch wirken sie extraterrestrisch.

Zeichnungen (links) und eine Plastik (mitte)  der Künstlerin Anna Dorothea Klug in einem weiteren Ausstellungsraum | © Louisa Engel
Zeichnungen (links) und eine Plastik (mitte) der Künstlerin Anna Dorothea Klug in einem weiteren Ausstellungsraum | © Louisa Engel

Ein Herr und zwei Damen sind im nächsten Raum soeben in die Betrachtung kleiner Objekte an der Wand vertieft. Ich wende mich zuerst ab und anderen Arbeiten im Raum zu, kann mich aber den Gesprächen dennoch nicht entziehen. Der Herr, mit einem Glas Bowle in der Hand, mokiert sich, ob man das denn überhaupt als Kunst bezeichnen könne. Nun muss ich ihn doch ansehen. Verstohlen schaut er zu mir herüber und beugt sich zu seinen beiden Begleiterinnen flüsternd vor. Er wirkt ein bisschen peinlich berührt. Aus Wortfetzen kann ich erhören: „Oh, vielleicht ist das die Künstlerin.“ Ich belasse ihn in dem Glauben.

Als sich die flüsternden Kritiker von ihrem Platz bewegt haben, wende ich mich den Arbeiten von Magit Jäschke zu. Ich erahne eine mir bekannte Schmuckästhetik, die an der Burg etabliert ist. Die Arbeiten wandern zwischen Kleinplastik und tragbarem Schmuck, die einerseits mit Witz Gegenstände in Körpernähe bringt, welche nicht unbedingt immer dort zu verorten sind, und andererseits Dinge zu Schmuck machen, die in ihrem plastischen Wert vielleicht auch eigenständig stehen. Auch Arbeiten auf Papier sind dabei, bei denen der Bezug zum Schmuck jedoch klar ersichtlich wird. Die Künstlerin zeigt Stücke, die während ihres Atelierstipendiums in Ahrenshoop entstanden, wo sie sich künstlerisch mit der Historie des Künstlerhauses Lukas befasste. Die historischen Bezüge der Arbeiten bleiben jedoch wenig konkret. Mir scheinen die Arbeiten eher atmosphärisch die Stimmung des Badeortes einzufangen.

Als ich den dritten Ausstellungsraum betrete, sehe ich schließlich die Arbeit, wegen der es mich vor allem hierher zog. Der aus der Landschaft ragende Hochstand hatte es mir bereits vor meinem Ausstellungsbesuch angetan. Das Foto, welches die Ausstellung bewarb, hatte in den letzten Tagen oft meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Zu sehen ist auf dem Foto ein solider Hochstand aus verwittertem Holz, welcher dann aber einen skurrilen Überbau aus transparenten Elementen besitzt, die Fragmenten einer Raketenkapsel gleich kommen. Das Bild formuliert eine schöne Antithese zu dem Ausstellungstitel „Aus der Tiefe“.

Bereits circa zwei Wochen vor der Museumsnacht prangten die Plakate zur Ausstellung an unterschiedlichen Orten. Sie zierten Straßenbahnhäuschen, Flyer lagen in unterschiedlichsten Formaten auf Cafétheken und auch eine Streichholzschachtel mit Ausstellungswerbung bekam ich vor zwei Wochen geschenkt. In der Stiftung selbst, im Neuwerk 11, glitzerte seit Beginn der Ausstellung hinter dem Fenster eine silberne Folie. Davor auf dem Fenster aufgedruckt nur der marineblaue Titel „Aus der Tiefe“.

Die angepriesene Arbeit selbst wird in der Ausstellung in drei Teilen bestehend aus einem Foto, einem Hochstandobjekt und einem Bildschirm mit wechselnden, kaum endenden Aufnahmen von Hochständen präsentiert. Der Künstler Magnus Sönning legte während seines Stipendiums der Kunststiftung ein Fotoarchiv vielfältigster Hochstände im Land Sachsen-Anhalt an, das heute ca. 200 Fotos von Hochsitzen umfasst. In einer zweiten Etappe nahm der Künstler an einigen der Hochstände temporäre Interventionen vor, die er wiederum fotografisch dokumentierte. Der Arbeit Sönnings sind fundiertes forscherisches Interesse und auch Konsequenz anzumerken. Auch wenn der ausgestellte Hochstand leider weniger überzeugt als das Plakat, haben die Fotos der Hochstände in der Landschaft doch Witz. Die Ausstellungsarchitektur der Kunststiftung ist jedoch zu künstlich, um dem realen Hochstand den entsprechenden Raum zu bieten.

Ein Mann, der sich die Fotografien der einzelnen Hochstände auf dem Bildschirm betrachtet, bleibt stoisch auf seinem Standpunkt. Mindestens 20 Minuten. Ich versuche an ihm vorbei zu schauen. So sehr er mir die Sicht versperrt, kann ich doch verstehen, wie einen diese stillen und statischen Fotografien in den Bann ziehen. Noch Wochen nach der Ausstellung ist mein Blick auf meinen Wegen durch Felder und Wälder auf Hochstände fokussiert. Die Vielfalt der Bauweisen ist beeindruckend. Überdimensionale Kinderstühle aus Holz, ein Hochstand, auf dem auch der nächste Bademeister sitzen könnte, hermetisch abgeschlossene Räume auf Stelzen. Hochstände unterliegen scheinbar keinen architektonischen Konventionen, was den Bauenden eine ungemeine kreative Freiheit einräumt. Mit der Sammlung der existierenden Hochstände im Hinterkopf wirkt die Neukonzeption Sönnings überhaupt nicht abwegig, lediglich auf die Spitze getrieben. Der Hochstand wieder bewusst zum Artefakt.

Das Foto von Magnus Sönnings Hochstand, davor zu sehen ist eine Plastik der Serie 'Vogel I-IV' der Künstlerin Julia Schleicher | © Louisa Engel
Das Foto von Magnus Sönnings Hochstand, davor zu sehen ist eine Plastik der Serie ‚Vogel I-IV‘ der Künstlerin Julia Schleicher | © Louisa Engel

Im oberen Raum der Kunststiftung sind die textilen Arbeiten der Künstlerin Lisa Reichmann zu sehen, die jeweils zwei handgestickte Hände zeigen, die sich ganz unterschiedlich berühren. Die Intimität dieser Geste wirkt sehr feinsinnig und zart. Es scheinen Beobachtungen zu sein, die ganze leise in unserer Umwelt wirken, die nur einen Moment bestehen bleiben, und die die Künstlerin in eben solcher Subtilität materialisiert und festhält. Der Unterschied zu den Arbeiten Sönnings könnte größer nicht sein. Dennoch überzeugen beide durch ihre besondere detailreiche Beobachtung.

Die Stipendiat*innen-Ausstellung zeigt acht Künstler*innen, die in Halle im Kontext der Kunsthochschule und anderen Galerien immer wieder auftauchen. Der weitere inhaltliche Zusammenhang der Arbeiten bleibt jedoch meiner Meinung nach vage. Dem Begleittext lässt sich entnehmen, dass alle gezeigten Künstler*innen mit forschenden künstlerischen Herangehensweisen arbeiten, „bei der Erlebtes und Gewohntes in kleinste Einheiten dekonstruiert und wieder neu zusammengesetzt wird. Die Künstler*innen untersuchen durch ihre Arbeiten das Wesen ihrer Umgebung, Ebene für Ebene und schaffen somit aus der Tiefe etwas Neues.“

Es ist fraglich, ob dies eine Verfahrensweise ist, die lediglich einen bestimmten Kreis von Künstler*innen auszeichnet, oder ob es sich nicht um ein Verfahren handelt, mit dem fast jede*r Künstler*in arbeitet. Schließlich kann künstlerisches Schaffen nie frei von Reaktionen auf Wahrnehmungen der Umwelt sein. Der textliche Verweis auf „Neues aus der Tiefe“ wirkt, als wolle man sich auf diese gänzlich extern generierten Ideen nicht verlassen, sondern mittels einer innerlichen Komponente der Wahrnehmung einen gewissen Spielraum in den Werken lassen. Dies steht zur vorher genannten Idee im Widerspruch. Alle der gezeigten Arbeiten beziehen sich auf ganz persönliche Blickweisen der Künstler*innen, der ihre Hingabe zur Beobachtung verdeutlicht. Doch inwieweit muss eine Ausstellung überhaupt stets einen inhaltlichen Überbau generieren?

Posted by:Louisa Engel

Louisa Engel studiert Bildende Kunst, Ethik und Schulpädagogik in Halle an der Saale. Sie mag das Zeichnen kurzer Striche sowie die Langsamkeit der Dinge.