Welche gesellschaftliche Bedeutung wird Ausstellungsbesuchen beigemessen – welche Unterschiede gibt es dabei zwischen den einzelnen Städten?

Ich habe den Eindruck, dass sich das Galerie-Leben und -Erleben in Halle – dem Ort, an dem wir als Studierende der Kunsthochschule Burg Giebichenstein viel Zeit verbringen – um einiges von dem in anderen Städten unterscheidet. Womöglich ist dieser Eindruck aber auch dem Umstand geschuldet, dass man Galerien und Ausstellungen aktiver besucht, sobald man sich an einem anderen, unbekannten Ort befindet. So wandelt man als Ortsfremder mit einem deutlich wachsameren Auge durch die Straßen der unbekannten Stadt. Ständig schweift der Blick dann aufmerksam suchend umher. An jeder Ecke gibt es etwas Neues zu entdecken. Der Alltag hingegen ist da oft ein Dämpfer, denn mit ihm kommt die Routine, die einem häufig die Sicht auf das Spannende vernebelt. Obwohl Umwege bekanntermaßen die Ortskenntnis erhöhen, werden die Straßen hastig ohne Blick nach links und rechts, oben und unten abgegangen. Alles wird gefiltert und optimiert, denn Zeit ist Mangelware.

Generell scheint in Halle aber insbesondere das sogenannte „Galerien-Hopping“, welches einem aus größeren Städten bekannt ist, weniger statt zu finden. Schade eigentlich, beherbergt Halle doch so einige, kleine Galerien mit durchaus sehenswerten und regelmäßig wechselnden Ausstellungen, was jeden Besuch zu einer immer wieder aufs Neue spannenden Entdeckungsreise macht.

Der Ausstellungsraum in der Burgstraße 2, in dem insbesondere Studierende der Kunsthochschule verschiedenartige Projekte realisieren, ist eine solche Galerie. Häufig überkommt mich jedoch bei Besuchen dieser kleinen Galerie mit dem Namen „Burg2“ eine Spur von Mitleid, sehe ich wie viel Arbeit und Energie in die Kunstwerke und den Aufbau geflossen sind und wie verhältnismäßig wenig Menschen letztlich die Ausstellungen besuchen.

Die Stadt Bergen in Norwegen verfährt da ganz anders. Während eines Erasmus-Aufenthaltes an der dortigen Kunsthochschule beobachtete ich Folgendes: Freitag war hier der Tag, an dem die zwei von der Hochschule gestellten Ausstellungsräume „Gallery Fisk“ und „Bookboden“ von verschiedenen Studierenden bespielt wurden. Auch andere Galerien hatten an diesem Wochentag ihre Türen geöffnet. Man konnte davon ausgehen, dass an diesem Tag fast ausnahmslos alle Studierenden in den verschiedenen Ausstellungsräumen anzutreffen sind. Beeindruckend fand ich, dass man dabei dennoch nicht den Eindruck hatte, dass es rein ums „Socialising“ geht, sondern dass stattdessen ein wirkliches Interesse an der Kunst und am Diskurs besteht. Nehmen sich die Menschen in Bergen womöglich einfach mehr Zeit für die Kunst? Schließlich werden Ausstellungsbesuche dort zum allwöchentlich stattfindenden Ritual gemacht. Besuche von Ausstellungen werden also ein fester Bestandteil des Alltags und als solcher wertgeschätzt. Der Freitag ist der Tag der Kunst. Freitag ist ein Tag, der sich ganz der Kunst widmet, an dem Kunst betrachtet, diskutiert und zelebriert wird.

Besuche ich wiederum meine Geschwister in Berlin, welche auch Kunst studiert haben, und gehen wir dann zu irgendeinem „Opening“, bekomme ich des Öfteren den Eindruck, dass es eher um das Sehen und Gesehen werden geht als um die dort ausgestellte Kunst. Ich erinnere mich an eine Ausstellungseröffnung, bei der man schon aus der Ferne eine große Menschentraube sehen konnte. Kam man näher, hörte man, dass fast ausschließlich Englisch gesprochen wurde. Ich dachte mir, dass man bei so vielen Menschen sicherlich nicht in die Ausstellung kommen, geschweige denn etwas von der Kunst sehen werde. Dem war jedoch nicht so. Der Bienenschwarm befand sich ausschließlich vor dem Eingang. Hatte man sich aber ersteinmal bis zu diesem vorgearbeitet, betrat man einen Raum, der fast menschenleer war. Außer drei Waschmaschinen, welche sich nicht einmal drehten, befand sich nichts in dem Raum. Einsam stand ich nun vor den drei Waschmaschinen. Die eigentliche Show fand vor der Tür statt.

In deutschen Großstädten scheint der Besuch von Galerien oftmals zum guten Ton zu gehören. Scharenweise ballen sich die Menschen vor den Türen der Galerien. Kunst wird dabei aber häufig zur Nebensache. Gleichzeitig verzeichnen Galerien in kleineren Städten minimale Besucherzahlen. Am Beispiel von Norwegen lässt sich jedoch gut erkennen, dass das Leben und Erleben von Kunst in den städtischen Galerien auch in Deutschlands Städten anders verlaufen kann.

Posted by:TXT & IMG Multiple

Carolin Breme, Louisa Engel, Carlo Maximilian Engeländer, Lea Köhler, Marcus Pape und Laura Stach schreiben in multipler und kollektiver Autor*innenschaft unter dem Pseudonym «TXT & IMG Multiple».