Plötzliche Interventionen im vertikalen Stadtraum verleiten zum Innehalten. Zum Irritationsmoment. Zur Schulung des Blicks.

Der Gestaltung unserer Wohnaußenhäute schenken wir in dem meisten Fällen besondere Aufmerksamkeit: Eine Fassade ist Prestige. Sie kann aussagekräftig über die Haltung sein, mit der wir zu wohnen wünschen. Wohl bedacht wird die Fassade in der Bauplanung. Dann subversiv bekritzelt und bemalt, entschieden gesetzt umgestaltet und schließlich bekommt sie im Alter Falten und Risse, sie blättert und ist Spiegel des eigenen Verfalls.

In der ‚LuWu‘ Hausnummer 26 (so der hallesche Spitzname für eine der belebtesten Hauptstraßen) übersät in modulares System die Fassade des Wohnhauses. Als ich den Verkehrsknotenpunkt zwischen der Ludwig-Wucherer-,  Willy-Lohmann-  und Martha-Brautzsch-Straße passiere, frage ich mich kurz nach dem Sinn dieser Installation. Eingeklemmt zwischen glatt sanierten Altbauten, fällt das Haus ein bisschen aus dem ästhetischen Muster. Die bröckelnde Fassade mit ihrem morbiden Charme und den fein-blätternden Wandstrukturen lässt den Blick selbst schon im Detail sich verlieren. Doch endgültige Skurrilität erlangt die Außenwand durch die aufgesetzten, im Mauerwerk verankerten Holzkästen, die auf der Fassad fast mit gewisser Willkür, montiert sind. Sicherlich als Stütze gedacht, um dem Haus in seinem labilen Zustand Halt zu geben, sind die Kästen doch auch Schmuck, sie durchbrechen die Geometrie aus Fenster und Stuck. Ich wähne sie dennoch eher als Fremdkörper. Ein Fenster ist geöffnet. Schemenhaft erahne ich eine Person dahinter. Genau kann ich es nicht sehen. Ein Balken, eben jener Rahmen, nimmt mir die Sicht.

Fassadenblicke | © Louisa Engel
Fassadenblicke | © Louisa Engel

Anders verhält es sich mit zwei Fassenden, deren Gestaltung bewusst gesetzt durch Kunst-am-Bau Projekte entstanden.

Ein nächtlicher Spaziergang führt mich den Schleifweg herauf in Richtung Volkspark. Die skurrilen Geräuschkulissen, die mich manchmal fast erschrecken lassen, zumindest aus dem momentanen Gedanken lösen und mit der Frage konfrontieren, ob ein Verweilen gerade sinnvoll erscheint. Die Werkleitz Gesellschaft, eine Plattform für professionelle und Nachwuchskünstler mit dem Fokus auf Medienkunst und Filmkultur, ist Initiatorin des beschriebenen Irritationsmomentes. VIDEORAMA ist ein Schaufenster, das durch sein leuchtendes Bewegtbild mit hinzugehöriger Soundkulisse, allnächtlich einen Einblick in aktuelle Videoprojekte gewährt. Tagsüber lässt sich kaum vermuten, was des Nachts an dieser Stelle aufleuchtet. Angebracht ist die Projektionsfläche an der Hauswand des Schleifweges 6. Das Backsteingebäude wird zum einen Teil von der Burg Giebichenstein Kunsthochschule genutzt und beherbergt zum anderen den Hauptsitz der Werkleitz Gesellschaft. Bei jedem erneuten Weg an der Videoinstallation vorbei, stelle ich mir die Frage, ob ich gerade wohl die Zeit habe, mir ein Video von 11 Minuten Länge anzuschauen. Leider muss ich gestehen, dass meine Wahl zu oft doch auf das Weitergehen fällt, da es mich schließlich an der abschüssigen Straße bergab oder bergauf zieht.  Über das kurze Verweilen und Schauen, woher das nächtliche Leuchten und die Geräusche kommen, schafft es also meine Aufmerksamkeit oft nicht hinweg. Die Soundkulisse ist seit meiner ersten Entdeckung bisweilen ähnlich undefiniert geblieben, doch mein Erschrecken hat sich inzwischen in ein wohlwollendes Wahrnehmen der Installation als städtischen Bestandteil verwandelt. Werkleitz bezeichnet das Projekt als „Schaufenster in die Stadt“. Diese Bezeichnung scheint auch meine Wahrnehmung gut zu beschreiben. Denn auch meine Reaktion, mich oft nicht für ein Verweilen entscheiden zu können, spiegelt in gewissem Maß auch eine Unaufmerksamkeit wieder, mit der wir unser städtisches Umfeld unter einem anderen, verweilenden Blick betrachten können als unter jenem des „Unterwegs-seins“. Eigentlich scheinen doch  Zeitpunkt, Ort und Installation des Schaufensters plausibel. Würde das VIDEORAMA seine Filme auch bei Tag an die Hauswand werfen, wäre der besondere Reiz des unverhofften Leuchtens wohl verschenkt. Und auch die Situation des Alltäglichen bei Tag würde die Projekte noch stärker unter der Flüchtigkeit des vorbei Eilens  leiden lassen. Da erscheint die Dunkelheit doch besondere Konditionen zu haben, die einen nicht nur für den Moment physisch sondern auch geistig am städtischen Schaufenster verweilen lassen.

Videoprojekt im Schleifweg | © Louisa Engel
Videoprojekt im Schleifweg | © Louisa Engel

Im Norden der Stadt lässt die BURG-Studentin Lisa Brockmann die Bewohner*innen eines Wohnhauses heraustreten, um selbst ein Schaufenster ihres Wohnortes zu gestalten. Das „Kunst am Bau“ Projekt plant die Fassadenneugestaltung des Wohnblocks im Aalweg 17, im Hallenser Stadtteil Heide Nord. Die Kunststudentin Lisa Brockmann ist Initiatorin der sogenannten „Strichcollage“, bei der die Bewohner*innen selbst in einer einmaligen Aktion die Gelegenheit haben, mit der Setzung ihres eigenen schwarzen, senkrechten Striches auf der geweißten Fassade, ihre persönliche Spur auf der Außenseite des Gebäudes zu hinterlassen. Die Teilnehmenden werden auf einer Hebebühne auf Höhe des Wandbildes empor gehoben. Hier dürfen sie dann entscheiden: Wie breit soll mein eigener Strich sein und wie lang ist er mir lieb? Wie soll er verlaufen, schnurgerade oder macht er gar eine Kurve? Für Lisa Brockmann ist der Strich einzigartig.

Plakat zur Aktion Strichcollage mit unterschiedlichen Strichen von Kindern aus dem Kiez | © Norbert Bayer
Plakat zur Aktion Strichcollage mit unterschiedlichen Strichen von Kindern aus dem Kiez | © Norbert Bayer

Die Idee zu diesem Projekt entstand im Rahmen eines Seminars der Kunstpädagogik Klasse von Prof. Stella Geppert der Burg Giebichenstein Kunsthochschule in Zusammenarbeit mit der Hallesche Wohnungsbaugesellschaft HWG. Die beteiligten Studierenden entwickelten unter Berücksichtigung der städtebaulichen und sozialen Kontexte des jeweiligen Wohnkomplexes Kunst-am-Bau-Konzepte, die auf die jeweiligen örtlichen Gegebenheiten eingehen sollten. Am Ende des Seminares stand ein Wettbewerb der HWG  für die Neugestaltung des beschriebenen Wohnblock in Heide Nord. Lisa Brockmann gewann den Wettbewerb. Die Künstlerin agiert nun als Strippenzieherin. Sie ist Initiatorin und organisiert den umfangreichen Rahmen des Projektes. Doch die Setzung selbst, die Sichtbarmachung ihrer Ideen übergibt sie an jene, denen die Fassade ihr nächster Umraum ist.  Ihr partizipatorischer Ansatz der Fassadengestaltung konfrontiert die Bewohner*innen mit der aktiven Gestaltung ihrer ästhetischen, aber auch ihrer sozialen Umwelt. Die persönliche „Bezeichnung“ der Fassade birgt das Potential, auch für die Verantwortung für den eigenen Wohn’um’raum zu sensibilisieren und ein Gefühl der Wertschätzung für das eigene Umfeld schaffen. Jene, die später die meist sehenden Rezipienten des Wandbildes werden, sind eben selbst Gestalter ihres eigenen Strichs.

Die drei Fassadensichten könnten unterschiedlicher nicht sein und dennoch sind sie Ausdruck unserer besonderen Beziehung zu den Hauswänden. Die Metapher der Wohnaußenhaut scheint mir bezeichnend für unser Verlangen, den persönlichen Innenraum und das darin Gedachte und Stattfindende in einen Bezug zum öffentlichen Außenraum mit seinen Gegebenheiten zu setzen. Ein jeder Schritt, sei er gewollt oder durch Zufall, weitet unseren Blick in die Stadtkulisse – nicht nur vertikal sondern auch horizontal.

Eine Fassade ist eine Fassade ist eine Fassade. Und trotzdem im Wandel.

Posted by:Louisa Engel

Louisa Engel studiert Bildende Kunst, Ethik und Schulpädagogik in Halle an der Saale. Sie mag das Zeichnen kurzer Striche sowie die Langsamkeit der Dinge.