Platte eins, Scheibe A. Die Stromkabel gucken aus den Wänden wie Eingeweide aus einem verwesenden Körper. Ratten tummeln sich hier und bauen ihre Nester im Schutt.

Seit der Wende verrotten Halles sogenannte Scheiben vor den Augen ihrer alten Bewohner. Die fünf Wohnkolosse A,B,C,D und E, von denen nur noch D genutzt wird, standen einst für den Pragmatismus des Planwohnens. DDR-visionär. Halle an der Chemie-verseuchten Saale wird noch heute mit der Knochenbrecher-Industrie Buna, Leuna assoziiert. Jeder Zugezogene müsste den Moment kennen, da er zum Erstaunen älterer Bekannter, behauptet, wirklich, also tatsächlich in Halle an der … Saale zu wohnen. Das mögen Vorurteile von gestern sein, doch gemahnen Halles sozialistische Waisen wie ehedem an jene Zeit, in der die Scheiben sauren Odem hauchten.

Aber was jetzt? Die MZ berichtet von marodierenden Jugendlichen auf dem Dach von Scheibe B. Ein Spielplatz für Halbstarke also? 2016 drehte Nicolette Krebitz die Geschichte einer zoophilen Begegnung zwischen einer jungen Frau und einem streunenden Wolf. Das können die Scheiben also auch: Dystopische Träume spinnen. Für Gesellschafts-Geplagte.

Zuletzt hat der Deutsch-Syrer Kahled Khalifa sich in die Scheibenwelt eingekauft. Rund 300 000 Euro bezahlte er für Scheibe B Platte 2. Moderne Wohnungen sollen dort entstehen …

Vielleicht befindet sich das ABC nun an einem neuen Nullpunkt. Bei allen kühnen Investoren-Träumen: Vergesst nicht, dass in diesen Scheiben ein vielleicht verwesendes, aber immer noch lebendiges Stück Hallescher Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft liegt!

Posted by:Carlo Maximilian Engeländer

Carlo Maximilian Engeländer studiert, neben der Kunst, im Zweitfach Geschichte. Er hat eine natürliche Affinität zu kurzen Texten, zu langen und zu solchen mittlerer Länge.