Hebebühnenbrummen und tanzende Striche – wie an einem Mitsommertag gemeinsam ein Kunst-am-Bau-Projekt entstand.

Es herrschte ein geschäftiges Treiben als am 8. Juni 2018 das Kunst-am-Bau-Projekt von Lisa Brockmann, in schwindelnden Höhen umgesetzt wurde. Allerhand Pinsel, luden Besucher*Innen und Passant*Innen ein, diese in schwarze Farbe zu tauchen, um in der Höhe zu vielen anderen Strichen ihren „persönlichen Strich“ zu setzen und sich zu verewigen. Das Wetter war sommerlich heiß, somit passte das Motto „Viva Italia“, welches die Hallesche Wohnungsgesellschaft HWG für ihr diesjähriges Mieterfest im Wohngebiet Heide-Nord, gewählt hatte. Animateur Luigi hatte den Auftrag italienisches Temperament zu verbreiten und eine Kutschfahrt sollte vor Ort das Gefühl von Urlaub hervorrufen. Es war auch der Tag, an dem Lisa Brockmann, Studentin der Kunsterziehung bei Stella Geppert an der Burg Giebichenstein, nach monatelanger Vorbereitungszeit ihren Entwurf umsetzte, welchen sie bei einen Klasseninternen Kunst-am-Bau-Wettbewerb gewonnen hatte.

Ich verließ das Stadtzentrum mit dem Rad und fuhr durch den Peißnitz-Park, wo sich Alt und Jung über das Sonnenwetter freuten, in Richtung des Wohngebiet Heide-Nord. Es wird dort immer ländlicher, links von der Straße befindet sich der Heidewald und rechts liegen einige Brachflächen. Kurz bevor ich das Plattenbaugebiet erreichte, passierte ich ein Neubaugebiet. Hier reihen sich Häuser in pastelligen Farbetönen. Behausungen, welche einander sehr ähneln und dennoch bedacht darauf sind, sich voneinander abzugrenzen.

Ein Mann mit braungebranntem, nacktem Oberkörper stand mit basslastiger Musik und Gartenschlauch vor seinem akribisch gemähten Rasen, welchen er bewässerte. Mir kam der Gedanke, dass das hier der Traum sein könnte, den man träumt, wenn man in einer Plattenbauwohnung groß wird und sich nach seinen eigenen vier Wänden sehnt, in denen man so laut sein kann, wie man will und vor dessen Tür man seinen eigenen Rasen besprenkeln kann.

Den Standort, Aalweg 17, an dessen Fassade das Kunstwerk entstehen sollte, erreichte ich, indem ich eine Einkaufspassage passierte. Am Eingang war ein Marktstand mit Lederware und allerhand Schnickschnack aufgebaut. Es gab eine Postfiliale, einen günstigen Bekleidungsladen, einen Edeka, einen Gemüseladen, und neben ein paar leerstehende Ladenlokale auch ein Café. Atmosphärisch lud die Passage nicht gerade zum Verweilen ein. Nun musste ich nur noch einmal um die Ecke biegen und befand mich bereits im geschäftigen Entstehen der Fassadengestaltung.

Lisa Brockmann hatte einige ihrer Mitstudierenden für die Umsetzung der Strichcollage akquirierten können: Alle Helfenden trugen ein T-Shirt mit einem schwarzen Strich darauf. Den Soundtrack der Szenerie bildeten die Motoren der zwei Hebebühnen, welche fast ununterbrochen Leute an der Fassade hochfahren ließen, um mit einem frei ausgewählten Pinsel ihren „persönlichen Strich“ an die Fassade zu malen. Für die „Strichcollage“ wurde einige Zeit vorher ein geeigneter ebenmäßiger, weißer Untergrund an die Fassade angebracht, welcher sich vom grauen Waschbeton abhebt und einen guten Kontrast zu den schwarzen Strichen bildet.

Beworben wurde die Aktion bereits im Vorfeld im Rahmen eines Kunstvermittlungsseminars geleitet von Magdalena Rude, welches teilweise vor Ort stattfand. Dank des Mieterfestes und der günstigen Lage der Fassade gab es aber sowieso viele Passanten, welche das Interesse aufbrachten, sich mit einem Strich auf der Fassade zu verewigen. Es war ein Zelt aufgebaut, indem die verschiedenen Pinsel mit einer „Strichzeichnung“ zur Veranschaulichung ausgestellt waren und man einen wählen konnte. Hatte man einen gewählt, wurde dieser in schwarze Farbe getaucht und wenn man wollte, konnte man auf einer Papierrolle schonmal sein Streichutensil testen. Daraufhin wurde man in einen Sicherheitsgurt gesteckt, bevor es mit der Hebebühne und einer Person vom Hebebühnen-Team, welche das Gefährt nach Wunsch der „Strichzeichner*Innen“ navigierte, in die Höhe ging.

Schatten bei der „Strichsetzung“ | © Carolin Breme

Einer der Hebebühnenmeister fuhr mich langsam nach oben, wir kamen in einen kleinen Plausch und ich meinte wahrzunehmen, dass er seinen Job am heutigen Tage als äußerst amüsant empfand. Es lag wohl an der zunehmenden Höhe verbunden mit meiner noch nicht überwundenen Höhenangst, dass ich dem stark sachsen-anhältinisch-sprechenden Mann nicht mehr richtig zuhören konnte. Mit der einen Hand klammerte ich mich an das Geländer der Hebebühne, mit der anderen an meinen Pinsel. Mein Blick suchte nach einem Stückchen freie Fläche auf der bereits sehr bestrichelten Wand, an dem ich meinen Strich setzten wollte. Langsam näherte sich mir die zweite Hebebühne – einer Frau mit spiegelnder Sonnenbrille schien es ähnlich wie mir zu gehen. Auch sie klammerte sich ans Geländer und schaute in die zunehmende Tiefe. Unten auf den Parkbänken saßen einige Zuschauende, welche das Geschehen beobachteten: Studierende sowie Lehrende der Burg Giebichenstein zusammen mit Bewohner*Innen des Wohngebietes.

Nachdem ich meinen Strich gesetzt hatte, wurde ich wieder langsam herunter gefahren. Es machte Spaß nun von unten meinen Strich auf der Fassade zu suchen und diesen zwischen all den anderen Strichen wiederzuerkennen. Bei fast allen, welche von ihrer Fahrt zurück am Boden eintrafen, sah man ein Leuchten in den Augen. Ich fragte einige der Herabkommenden, wie es für sie gewesen war. Die Antworten waren von großer Begeisterung geprägt.

Ein schwindelnder Blick aus der Höhe | © Carolin Breme

Schön war es zu sehen, dass das Erlebnis alle anzusprechen schien, von jung bis alt. Ob Kunststudierende oder Bewohner vor Ort,- hier schien eine beglückende Zusammenkunft stattzufinden. Im übertragenden Sinne konnte man das, was zwischen uns Menschen entstand, auf der wachsenden Collage in der Höhe verbildlicht wiedererkennen. Die einzelnen individuellen Striche bildeten peu à peu ein großes Ganzes. Gleichberechtigt und doch mit einer kleinen persönlichen Note geprägt durch die Wahl des Werkzeuges, fangen die Striche an, miteinander in Beziehung zu treten.

Zwischenzeitlich machte einer aus dem Hebebühnenteam neben mir Pause und ich fragte ihn, wie er das Projekt empfand. Auch er war begeistert, weil bei der Umsetzung die Bewohner, für welche das Kunst-am-Bau-Projekt schließlich geschaffen wurde, so gut einbezogen wurden, ja sie es letztlich alle zusammen ausführten. Auch ich empfand es so, dass darin der große Zauber lag.