Sie bieten einen heftigen Anblick. Fünf Titanen, die hintereinander weg zu zerfallenen Hochhäusern erstarrt sind. Nach Jahren der Verwahrlosung werden die als Scheiben bezeichneten Gebäude plötzlich wieder interessant. 2015 fand Scheibe B einen Käufer, D bietet seit geraumer Zeit dem Jobcenter ein Dach und A gelang Anfang des Jahres der Verkauf an einen milliardenschweren Investor. Zeit für ein letztes Dokument, bevor der Charme der Verwüstung endgültig von den Fassaden gewaschen wird …

Im Grunde ist da nichts Individuelles. Alle Scheiben haben dieselbe Bauform, dieselben achtzehn Stockwerke, dasselbe ekelerregende Grau. Andererseits müssen darin seit ihrer Errichtung in den 1970er Jahren die verschiedensten Persönlichkeiten gelebt haben. Die Klingelschilder sind längst abgerissen, aber dort ragt eine Couch aus dem Fenster und hier ein rostiger Wäscheständer. Machen diese Überbleibsel die Seele der einzelnen Scheibe am Ende aus? Dabei wurde doch der Mensch gerade in diesen Wohnmaschinen zum Objekt der Gleichheit gemacht. Welchen Unterschied bedeutete es schon, ob Peter X. nun im 9. oder Ute Z. im 15. Geschoss wohnte?

Einen Unterschied machte es jedenfalls, wenn auch nicht den allergrößten. Mittlerweile kann man die Kolosse am Muster ihrer mit Spanplatten vernagelten Eingänge identifizieren. Graffiti-Lack, Moosflechten und Taubenschiss-Verkrustung. An Scheibe A klebt ein zwei Quadratmeter großes Gemälde. Es zeigt einen mit Hummer gedeckten Tisch. Wenn man Passanten fragt, welche von denen die Scheibe B ist, dann zucken sie gewöhnlich die Schultern und fragen zurück, ob man zum Jobcenter will oder eher zu McDonalds. Jede der Scheiben hat ihre spezielle Verortung im Stadtplan des Einzelnen. Das ist, was sie individuell macht.

Posted by:Carlo Maximilian Engeländer

Carlo Maximilian Engeländer studiert, neben der Kunst, im Zweitfach Geschichte. Er hat eine natürliche Affinität zu kurzen Texten, zu langen und zu solchen mittlerer Länge.