Wie ein rot lackierter Zehnagel steckt die »Pizzeria-Neustadt« im Ruinen-Hochhaus »Scheibe E«. Als ich zum ersten Mal daran vorbei laufe, fühle ich mich wie in einer Folge »Ghost in the Shell«, mein Lieblings-Anime, wenn es um Urbane Dystopien geht. Am Eingang blinkt ein LED-Pizzastück. Erst jetzt bemerke ich, wie hungrig ich bin.

Der Ort wirkt trostlos auf mich. Die Fenster des DDR-Wohnhauses sind eingeschmissen, nichts worauf noch das Attribut hoffnungsvoll anzuwenden wäre. Ich betrete den Laden. Kein Oberkellner, der mich vom Eingang abfängt — nur ein Typ mit »Chef«-Schürze, der an der Kasse wartet. Das Schönste: Er guckt kein bisschen komisch, als ich bloß Magherita und dazu eine kleine Cola bestelle. Neben mir, am Tisch, sitzt ein dicker Mann und trinkt Ur-Krostitzer. Sein Haar hängt in grauen Strähnen vom Kopf und sein Körpergeruch ist unangenehm. Während ich warte, beobachte ich Tony Hawks Nachwuchs, der jenseits der Fensterscheiben in Halles größtem Skatepark, dem »Rollmops«, gegen die Gravitation rebelliert. Endlich kommt meine Magherita. Das Fett schwimmt darauf in kleinen Seen. Möge mein Magen mir verzeihen; bitte kein Sodbrennen diesmal! Ich schließe die Augen und beiße ab.

»Straßenpizza« bedeutet dem Jugendlexikon zufolge, nach einem feuchtfröhlichen Abend vor die Kneipe zu kotzen. Für mich ist Straßenpizza einfach eine ehrliche Mahlzeit, die man sich in einer Pizza-Bude beim Albaner seines Vertrauens bei gelegentlichem Heißhunger kauft — nirgendwo sonst, nicht in Halle, Berlin oder Rom, wo ich mal auf Klassenfahrt war, ist mir bisher eine Straßenpizza mit ähnlichem Verhältnis von Käse und Teigboden begegnet … Ich schwöre, es ist die beste Pizza der Welt!

Posted by:Carlo Maximilian Engeländer

Carlo Maximilian Engeländer studiert, neben der Kunst, im Zweitfach Geschichte. Er hat eine natürliche Affinität zu kurzen Texten, zu langen und zu solchen mittlerer Länge.